Nicht jammern – machen. Oder zumindest einen offenen Brief schreiben!

Die DVZ – wir empfehlen ausdrücklich dieses herausragende Logistik-Medium – hat zum Tag der Logistik diesen offenen Brief einer 27 jährigen Logistikerin veröffentlicht. Wir von GRIESHABER Logistik sagen Danke an die DVZ und an die Autorin, dieses liebenswürdige Statement zu publizieren und zu verfassen. Und wir erlauben uns, den Beitrag hier zu posten.

Mit diesem offenen Brief möchte ich ein Zeichen setzen und eine Lanze brechen: für den von der Gesellschaft und der Industrie völlig unterschätzten, überhaupt nicht wertgeschätzten, verschrienen, diffizilen und außergewöhnlichen Beruf des Spediteurs. Darunter verstehe ich nicht nur die kaufmännischen Mitarbeiter oder Organisatoren im Büro, sondern vor allem auch LKW-Fahrer, Lagermitarbeiter, Hafenmitarbeiter, Staplerfahrer, Kommissionierer, Hoffahrer, die eingesetzten Unternehmer, Verlader und alle anderen Kollegen und Kolleginnen im Logistikgewerbe.

Schon während meiner Tätigkeit im Luft- und Seefrachtbereich fiel mir auf, dass die LKW-Spediteure im Allgemeinen keinen guten Ruf haben. Immer wieder waren verschiedenartige despektierliche Bemerkungen zu hören. Da ich keinen praktischen Bezug hatte, konnte ich gar nicht so genau nachvollziehen, wieso das eigentlich so ist. Ich dachte mir, dass die LKW-Spediteure doch genauso wichtig für die Supply Chain sein müssten wie die Luft- oder Seefrachtspediteure – wenn nicht sogar noch bedeutender.

„Wir arbeiten in einer Null-Toleranz-Branche“

Nach nunmehr drei Jahren im LKW-Bereich und auf dem Boden der Realität angekommen bin ich schlauer. Wir arbeiten in einer Null-Toleranz-Branche, kämpfen um jeden Euro, und das, obwohl die Welt von heute ohne die Logistiker nicht so funktionieren könnte, wie sie es nun mal tut.

„Am Anfang war der Transport“ – oder wie kommt die Ware ins Regal im Supermarkt? Wie kommt die Ware vor meine Haustür, wenn ich bequem von der Couch aus bestelle und keinen Cent Versandkosten zahle? Wie kommt der Schrank, den ich beim Möbelhaus online bestelle, in mein Schlafzimmer? Wie kommt das Smartphone in den Elektronikshop? Wie kommt die im Onlineshop bestellte neue Waschmaschine zu mir nach Hause?

Richtig – die letzte Meile realisiert immer ein LKW und ein auf das jeweilige Geschäftsfeld spezialisiertes Unternehmen. Sammelgutspediteure können keine Frischware zustellen, Schwertransporte keine Nahverkehrszustellungen übernehmen, Möbelspediteure kein Sammelgut und Kep-Dienstleister keine Palette zustellen.

Und dabei interessiert es keinen Kunden oder Warenempfänger, welches die Haftungsgrundlagen sind, welche Pflichten und Rechte der Spediteur hat und welche der Kunde/Empfänger… Und auch nicht, dass der LKW genauso wie der private PKW im Stau steht. Es zählt für die LKW-Spediteure nur, Leistung zu erbringen und ihren Ärger herunterzuschlucken. Es ist fast schon geschäftsschädigend, sich zu verteidigen. Wir sind ja Dienstleister, und das ist das Los der Branche, die wir ja selbst gewählt haben.

Darf ich hier die Frage stellen: Ist das wirklich so? Bin ich mit meiner Berufswahl selber schuld? Oder muss sowohl die Erwartungshaltung der Gesellschaft als auch die der Industrie den Herausforderungen einer so schnelllebigen Wirtschaft angepasst werden? Muss darüber nachgedacht werden, dass Qualität auch Geld kostet?

Haben wir das Recht zu sagen, dass Anlieferungsbuchungen über die verschiedenen Systeme – egal ob via Mercareon, Amazon Carp oder Cargoclix – einen riesigen und kaum realisierbaren Aufwand bedeuten, bei dem der Spediteur eigentlich nur verlieren kann? Dass mit Zunahme des B2C-Geschäfts und Onlinehandels die Herausforderungen immer größer werden, das Ansehen des Zustellers dahingegen immer geringer?

„Warum ist unser Berufszweig ins Abseits gerutscht?“

Wie konnte es passieren, dass einer der wichtigsten Berufszweige für das Funktionieren unserer heutigen Marktwirtschaft so dermaßen ins Abseits gerutscht ist? Man lässt sich über fremdsprachige Fahrer aus, doch Deutsche wollen den Job einfach nicht mehr machen, weil er schrecklich undankbar ist. Zudem will ohnehin keiner die Transportkosten zahlen, die man für andere Fahrer benötigt.

Wenn ich mir die Kundenbewertungen über meinen Arbeitgeber und unseren direkten Wettbewerb durchlese, dann müsste die logische Konsequenz sein, zu kündigen und das Verkehrsgewerbe für immer zu verlassen. In der Industrie wird scheinbar besser bezahlt, dort gibt es keinen Stress und dafür mehr Urlaubstage, und man muss sich nicht auch noch beleidigen lassen. Da wäre ich diejenige, die den Logistiker niedermachen kann!

„Wir haben das Recht, ein Umdenken zu fordern“

Auch wenn wir uns ständig unsäglichen Kommentaren stellen müssen: Ich hatte immer einen riesigen Spaß bei der Arbeit, komme aus einer Familie von Logistikern und wollte die Branche nie verlassen – und will es bis heute nicht. Und ja – wir sind Dienstleister, und das ist per se eine schwierigere Position, als der Auftraggeber selbst zu sein. Aber müssen wir wirklich alles hinnehmen? Oder sind wir im Recht, ein Umdenken zu fordern? Ganz klares JA.

Wir Spediteure sind nicht das Ende der Nahrungskette – ohne uns gäbe es schlichtweg keine Nahrungskette mehr. Ohne das Transportgewerbe wäre unsere Welt eine andere. Und dafür werden wir zu wenig geschätzt und wahrgenommen. Das darf man sagen. Darauf darf man hinweisen. Dazu darf man stehen.




zupackend. wegweisend. zielsicher.
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